Internationaler Tag des Kusses

Am 6. Juli ist Internationaler Tag des Kusses, auf Englisch International Kissing Day oder World Kissing Day. Ein Anlass, der auf den ersten Blick wie eine Erfindung der Grußkartenindustrie wirkt. Bei genauerem Hinsehen steckt eine kleine, fast schon subversive Geschichte dahinter.

Geschichte

Der Tag kommt ursprünglich aus Großbritannien. Dort hieß er zunächst National Kissing Day, bevor er sich international verbreitete und zum International Kissing Day wurde. Wann genau er entstanden ist, lässt sich nicht mehr sauber belegen. Manche Quellen datieren den ersten Aktionstag auf den 6. Juli 1990, andere verorten seinen Ursprung eher in den frühen 2000er Jahren. Was bleibt, ist die britische Herkunft und ein Datum, das sich seit Jahrzehnten hartnäckig im Kalender hält.

Hintergründe

Interessant ist der Anlass, der dem Tag oft zugeschrieben wird. Er soll als kleine Rebellion gegen die konservative Moralpolitik der Thatcher-Ära entstanden sein, in einer Zeit, in der öffentliche Zärtlichkeit in Großbritannien nicht gerade gesellschaftsfähig war. Küssen wurde so zur stillen Protestform, zum Statement gegen verklemmte Doppelmoral. Ob sich das historisch wirklich so zugetragen hat oder im Nachhinein zurechtgelegt wurde, lässt sich kaum mehr nachprüfen. Die Geschichte passt trotzdem gut zu einem Tag, der bis heute deutlich weniger kommerziell aufgeladen ist als etwa der Valentinstag.

Highlights

Ein paar Zahlen und Fakten, die den Tag greifbarer machen:

  • Weltrekord: Der längste Kuss der Welt dauerte 58 Stunden und 35 Minuten. Aufgestellt haben ihn Ekkachai und Laksana Tiranarat aus Thailand im Februar 2013 bei einer von Ripley’s Believe It or Not! organisierten Veranstaltung in Pattaya. Guinness World Records hat die Kategorie später abgeschafft, weil der erzwungene Schlafentzug für die Teilnehmenden zu gefährlich wurde.
  • Kalorien: Ein normaler Kuss verbrennt ungefähr 12 Kalorien pro Minute, ein intensiverer Zungenkuss bis zu 20.
  • Bakterien: Innerhalb von zehn Sekunden Küssen tauschen zwei Menschen bis zu 80 Millionen Bakterien aus. Klingt erst mal unappetitlich, gilt Forschenden zufolge aber eher als kleines Training fürs Immunsystem.
  • Hormone: Beim Küssen schüttet der Körper Oxytocin, Dopamin und Endorphine aus und senkt gleichzeitig den Spiegel des Stresshormons Cortisol.

Der Kuss heute

Wie ein Kuss aussieht, hängt stark davon ab, wo man ist. In Frankreich, Spanien, Italien, Griechenland, Österreich oder Russland gehört der Wangenkuss zur normalen Begrüßung unter Freunden und Familie. In Rio de Janeiro küsst man zur Begrüßung zweimal, in São Paulo dagegen nur einmal. In den USA gilt der Wangenkuss als Grenzüberschreitung, ein Handschlag reicht dort meistens völlig aus. Die Māori in Neuseeland begrüßen sich traditionell mit der Nase und der Stirn, dem sogenannten Hongi, bei dem der Atem geteilt wird. In Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten reiben sich manche Beduinen zur Begrüßung ebenfalls die Nasen.

Digital hat sich der Kuss längst einen Platz erobert, auch ganz ohne Körperkontakt. Das Kuss-Emoji 😘 gehört zu den meistgenutzten Emojis überhaupt, und ein Küsschen am Ende einer WhatsApp-Nachricht ist für viele so selbstverständlich wie die Grußformel am Ende eines Briefs. Ob das den echten Kuss ersetzt oder nur ergänzt, ist eine andere Frage. Am 6. Juli jedenfalls lohnt es sich, kurz innezuhalten und daran zu denken, dass eine so einfache Geste seit Jahrzehnten ihren eigenen Tag im Kalender hat.

Was ein Kuss eigentlich ist

Der Medienwissenschaftler Hektor Haarkötter hat dem Thema ein ganzes Buch gewidmet, „Küssen. Eine berührende Kommunikationsart“. Seine Ausgangsfrage klingt simpel, ist es aber nicht: Was macht das Küssen eigentlich aus? Warum küsst man sich nicht überall auf der Welt zur Begrüßung oder aus Zuneigung, sondern nur in bestimmten Kulturkreisen? Und was genau verbindet einen Liebeskuss mit einem Bruderkuss, einem Abschiedskuss, einem Filmkuss oder dem Gutenachtkuss, den Eltern ihren Kindern geben, obwohl diese Küsse kaum unterschiedlicher sein könnten?

Haarkötters Antwort darauf: Küssen ist vor allem ein Akt der Kommunikation. Eine Sprache ohne Worte, die je nach Situation, Beziehung und Kultur ganz unterschiedliche Dinge ausdrücken kann, von Begehren über Fürsorge bis zu Respekt. Genau das erklärt auch, warum der Kuss keine menschliche Konstante ist. In manchen Kulturen war der romantische Mundkuss historisch kaum verbreitet oder sogar unbekannt, weil andere Formen der Nähe, etwa der Nasenkuss oder das gegenseitige Riechen am Nacken, dieselbe Funktion übernommen haben. Küssen ist also weniger Biologie als Vereinbarung: eine Geste, deren Bedeutung eine Gesellschaft ihr gibt.

Sein Buch nähert sich dem Thema entsprechend von mehreren Seiten: über das naturwissenschaftliche Wissen zum Kuss, über seine Geschichte von der Antike bis in die Gegenwart und über seine Darstellung in Film, Literatur, Märchen und Kunst. Dabei stellt er auch unbequemere Fragen. Ist Küssen eigentlich etwas Privates, oder gehört es, wie in vielen Kulturen üblich, ganz selbstverständlich in die Öffentlichkeit? Wo verläuft die Grenze zwischen Küssen und Sex, wenn beides doch auf denselben Wunsch nach Nähe zurückgeht? Und warum küssen Menschen auch Dinge, einen Ehering, eine Reliquie, den Boden nach der Landung, obwohl diese gar nicht zurückküssen können? Auch dafür hat Haarkötter eine Erklärung: Der Kuss überträgt hier Respekt oder Hingabe auf ein Objekt, stellvertretend für eine Person oder eine Idee.

Ein Kapitel widmet sich schließlich dem, was er die Bussi-Bussi-Gesellschaft nennt, jenem inflationären Wangenkuss zur Begrüßung, der in manchen Kreisen fast schon Pflicht geworden ist. Für Haarkötter ist das kein Widerspruch zu seiner These, sondern eher deren Bestätigung. Auch der leere, routinierte Kuss ist Kommunikation, nur eben eine, die nichts mehr sagt außer: Wir kennen die Regeln.

Die besten Kussfilme

Manche Filmküsse haben es geschafft, sich vom eigentlichen Film zu lösen und ein Eigenleben zu führen. Eine Auswahl, die auf kaum einer Liste fehlt:

  • Der Regenkuss aus „Spider-Man“ (2002): Peter Parker hängt kopfüber an einem Netz, Mary Jane zieht ihm die Maske bis zur Nase herunter. Regisseur Sam Raimi ließ die Szene im strömenden Regen drehen, was den Aufwand hinter dem scheinbar spontanen Moment deutlich macht.
  • Der Strandkuss aus „Verdammt in alle Ewigkeit“ (1953): Burt Lancaster und Deborah Kerr küssen sich in der Brandung von Hawaii. Das Bild ist bis heute eines der meistkopierten der Filmgeschichte.
  • Der Abschied in „Casablanca“ (1942): Nicht der leidenschaftlichste, aber vermutlich der bekannteste Kuss des klassischen Hollywoodkinos, eingebettet in eine Geschichte über Verzicht statt Erfüllung.
  • Die Rückblende in „Frühstück bei Tiffany“ (1961): Audrey Hepburn und George Peppard küssen sich am Ende im Regen, die Katze zwischen sich eingeklemmt. Ein Schlussbild, das das Buch von Truman Capote so gar nicht hergibt.
  • Die Montage in „Cinema Paradiso“ (1988): Statt eines einzelnen Kusses zeigt der Film gegen Ende einen ganzen Zusammenschnitt zensierter Kussszenen aus alten Filmen. Eine Liebeserklärung ans Kino selbst.
  • „Keinohrhasen“ (2007): Til Schweiger und Nora Tschirner liefern die deutsche Antwort auf den amerikanischen Rom-Com-Kuss, weniger episch inszeniert, dafür bodenständiger.

Die besten Kussromane

Auch in der Literatur ist der Kuss oft der Moment, auf den ein ganzes Buch zusteuert, manchmal über hunderte Seiten hinweg. Fünf Romane, in denen genau das zum Thema wird:

  • „Stolz und Vorurteil“ von Jane Austen (1813): Der eigentliche Kuss zwischen Elizabeth und Mr. Darcy findet im Buch praktisch gar nicht statt, was die Spannung bis zur letzten Seite trägt. Genau darin liegt die Kunst des Romans.
  • „Sturmhöhe“ von Emily Brontë (1847): Die Beziehung zwischen Catherine und Heathcliff ist von Anfang an zu zerstörerisch angelegt, um klassisch romantisch zu sein. Gerade das macht das Buch bis heute lesenswert.
  • „Die Leiden des jungen Werther“ von Johann Wolfgang von Goethe (1774): Ein einziger Kuss reicht aus, um die Geschichte endgültig in Richtung Katastrophe zu kippen. Kaum ein deutscher Roman hat unerfüllte Sehnsucht so wirkungsvoll verarbeitet.
  • „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink (1995): Die Nähe zwischen Michael und Hanna ist von Beginn an unbequem, was das Buch zu einem der meistdiskutierten deutschen Romane der letzten Jahrzehnte gemacht hat.
  • „Outlander“ von Diana Gabaldon (1991): Eine Zeitreise, ein schottisches Hochland und eine Liebesgeschichte, die über inzwischen neun Bände hinweg erzählt wird. Der erste Kuss zwischen Claire und Jamie markiert darin den eigentlichen Anfang der Reihe.

Kann man küssen lernen?

Kurz gesagt: ja. Der erste Kuss überhaupt ist meistens Reflex, gesteuert von Nervosität und ein bisschen Zufall. Alles danach ist Übung.

Es gibt sogar ein eigenes Forschungsfeld dafür, die Philematologie, die sich mit dem Küssen aus Sicht der Medizin, der Psychologie und der Soziologie beschäftigt. Wer sich dort umschaut, stößt schnell auf einen ziemlich nüchternen Befund: Technik lässt sich trainieren, Tempo, Druck, Timing, das Lesen von Körpersprache. Chemie zwischen zwei Menschen dagegen nicht.

Genau da liegt auch das Problem mit den meisten Kusstipps im Internet. Sie behandeln Küssen wie eine Formel, dabei ist es eher wie Tanzen mit jemandem, den man gerade erst kennenlernt. Was bei einer Person funktioniert, wirkt bei der nächsten Person unpassend oder zu viel. Ein Sexualberater würde das vermutlich so ausdrücken: Ein paar Grundregeln lassen sich lernen, den Rest übernimmt die Aufmerksamkeit für das Gegenüber.

Ein Detail dabei wird oft unterschätzt: der Rückzieher. Nicht jeder Kuss muss lang sein oder in etwas Größerem enden. Manchmal ist ein kurzer, aufmerksamer Kuss mehr wert als ein einstudierter.

Häufige Fragen zum Kuss und zum Küssen

Wann ist der Internationale Tag des Kusses? Jedes Jahr am 6. Juli. Das Datum steht mittlerweile in fast jedem internationalen Kalender für besondere Aktionstage.

Ist der Internationale Tag des Kusses dasselbe wie der Valentinstag? Nein. Der Valentinstag am 14. Februar dreht sich um die Liebesbeziehung insgesamt, meist verbunden mit Geschenken und einem gemeinsamen Abend. Der Kusstag am 6. Juli ist enger gefasst und weit weniger kommerziell, es geht schlicht um den Kuss selbst, unabhängig davon, wem er gilt.

Woher stammt der Internationale Tag des Kusses? Der Ursprung liegt in Großbritannien, wo er zunächst als National Kissing Day gefeiert wurde. Das genaue Gründungsjahr ist nicht eindeutig überliefert, häufig genannt wird 1990.

Was passiert im Körper, wenn wir uns küssen? Der Körper schüttet Oxytocin, Dopamin und Endorphine aus, das Bindungshormon, der Botenstoff für Belohnung und die körpereigenen Glückshormone. Gleichzeitig sinkt der Cortisolspiegel, also das Stresshormon. Der Puls steigt an, ähnlich wie bei leichter körperlicher Anstrengung.

Wie viele Kalorien verbrennt ein Kuss? Grobe Richtwerte liegen bei etwa 12 Kalorien pro Minute bei einem gewöhnlichen Kuss, bei einem intensiveren Zungenkuss können es bis zu 20 sein. Als Sport taugt das trotzdem nicht, dafür ist die Dauer meistens zu kurz.

Wie viele Bakterien werden bei einem Kuss übertragen? Bei einem zehnsekündigen Kuss tauschen zwei Menschen schätzungsweise bis zu 80 Millionen Bakterien aus. Das klingt zunächst nach einem Argument dagegen, gilt in der Forschung aber eher als leichtes Training fürs Immunsystem als als Risiko.

Ist Küssen gesund? In moderaten Mengen ja. Neben der Immunreaktion auf fremde Bakterien wirken sich die ausgeschütteten Hormone nachweislich positiv auf Stimmung und Stresslevel aus. Wer erkältet ist, sollte trotzdem kurz pausieren.

Was ist der längste Kuss der Welt? 58 Stunden und 35 Minuten, aufgestellt 2013 vom thailändischen Paar Ekkachai und Laksana Tiranarat bei einer Veranstaltung von Ripley’s Believe It or Not! in Pattaya. Guinness World Records führt die Kategorie inzwischen nicht mehr, weil der erzwungene Schlafentzug für die Teilnehmenden zu riskant wurde.

Warum schließen die meisten Menschen beim Küssen die Augen? Weil der Tastsinn dann übernimmt. Studien zur Wahrnehmung deuten darauf hin, dass geschlossene Augen helfen, sich voll auf Berührung und Nähe zu konzentrieren, statt visuelle Reize nebenbei verarbeiten zu müssen.

Warum neigen die meisten Menschen beim Küssen den Kopf nach rechts? Der Bochumer Psychologe Onur Güntürkün hat das an 124 Paaren in Parks, an Stränden und auf Flughäfen untersucht. Rund zwei Drittel der beobachteten Paare neigten den Kopf beim Kuss nach rechts, vermutlich eine Folge der Lateralisierung, also der unterschiedlichen Aufgabenverteilung zwischen linker und rechter Gehirnhälfte.

Warum küsst nicht jede Kultur auf der Welt? Weil der romantische Mundkuss keine biologische Notwendigkeit, sondern eine kulturelle Vereinbarung ist. In manchen Regionen der Welt haben andere Formen der Nähe, etwa der Nasenkuss oder das gegenseitige Riechen, historisch dieselbe Funktion übernommen wie in Europa der Kuss auf den Mund.

Was unterscheidet einen Kuss von einem Zungenkuss? Beim gewöhnlichen Kuss bleibt der Kontakt auf die Lippen beschränkt, beim Zungenkuss, auch Zungenkuss oder französischer Kuss genannt, kommt der direkte Kontakt der Zungen dazu. Letzterer gilt in vielen Kulturen als deutlich intimere Geste und wird seltener zur Begrüßung verwendet.

Was ist ein Schmetterlingskuss? Dabei berühren sich zwei Gesichter so nah, dass die Wimpern des einen über die Wange oder die Wimpern des anderen streichen, ein sehr zartes Blinzeln statt eines klassischen Kusses. Beliebt vor allem zwischen Eltern und kleinen Kindern.

Was ist ein Eskimokuss? Beim Eskimokuss reiben zwei Menschen ihre Nasenspitzen aneinander, oft begleitet von einem tiefen Atemzug. Die Geste stammt aus der Kultur der Inuit, wird heute aber weltweit vor allem als niedliche Alternative zum Mundkuss verstanden.

Kann man küssen lernen? Ja, zumindest die Technik. Timing, Druck und das Lesen der Reaktionen des Gegenübers lassen sich trainieren. Die Chemie zwischen zwei Menschen dagegen nicht, die stellt sich ein oder eben nicht.

Was ist Philematologie? Der wissenschaftliche Begriff für die Erforschung des Küssens, angesiedelt zwischen Medizin, Psychologie und Soziologie. Wer sich ernsthaft mit der Geschichte und Wirkung des Kusses beschäftigt, landet früher oder später bei diesem Begriff.

Warum küssen Menschen auch Gegenstände wie einen Ehering oder den Boden? Weil der Kuss hier stellvertretend für eine Person, einen Ort oder eine Idee steht. Der Kuss auf den Ehering drückt Verbundenheit zur Ehe selbst aus, der Kuss auf den Boden nach der Landung eine Mischung aus Erleichterung und Respekt vor dem Ankommen.

Was bedeutet der Begriff Bussi-Bussi-Gesellschaft? Damit ist die Angewohnheit gemeint, sich zur Begrüßung fast reflexhaft auf die Wange zu küssen, unabhängig davon, wie nah man sich tatsächlich steht. Der Medienwissenschaftler Hektor Haarkötter sieht darin keinen Widerspruch zum Kuss als Kommunikationsmittel, sondern eine besonders entleerte Form davon: ein Kuss, der vor allem sagt, dass beide Seiten die sozialen Regeln kennen.

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